Sep 9, 2010 | Matchberichte
Spanien – Italien: 4:2 - Das Ende eines Fluchs
Man mochte vor Spielbeginn glauben, dass beim heutigen Spiel keine große Überraschung folgen würde; die Italiener würden sich nach schwacher Vorrunde berappeln und nun durchstarten: Spanien wäre das Opfer. Abergläubische Fußballfans verwiesen darüber hinaus darauf, dass die Spanier an einem 22. Juni noch nie ein bedeutendes Spiel gewonnen hatten. Also Spanien verliert, Italien gewinnt und… nein, es kam ganz anders. Die Spanier hatten eine wirklich gute Vorrunde geliefert und waren als eine der wenigen Mannschaften ins Viertelfinale eingezogen, die sich mit allen drei Vorrundenspielen die Fahrkarte ins K.O.-System sichern konnte. Und sie zeigten auch im Viertelfinale KlasseIst man etwas abergläubisch, so lassen sich fürs Viertelfinale jede Menge Omen blicken. Bisher ist etwa jede Mannschaft, die das letzte Spiel der Vorrunde mit der B-Mannschaft gespielt hat, ausgeschieden. Hier waren die Verlierer Portugal und auch Holland. Für beide Mannschaften hatte der B-Einsatz keine wirklich guten Folgen. Es könnte ebenfalls als ein schlechtes Omen gedeutet werden, dass bisher keiner der Gruppensieger das Halbfinale erreicht hat. Doch dies alles hemmt die Seleccion nicht. Unter den Augen des spanischen Königspaars und vielen weiteren hochrangigen Zuschauern bot Spanien einen Elfmeterkrimi, der wohl in die spanische Geschichte eingehen wird.
Es begann alles erst einmal verhalten und weniger dramatisch. Der Schiedsrichter, der Deutsche Herbert Fandel, pfiff pünktlich um 20:45 Uhr das Spiel der Seleccion aus Spanien gegen die Squadra Azzuro aus Italien an. Anstatt aber ein hochkarätiges Spiel zu liefern, hielten sich beide Mannschaften in der ersten Halbzeit dezent zurück. Die Spanier waren jedoch von Spielbeginn an die Mannschaft, die die meisten Ballkontakte und auch die meisten Pässe aufzuweisen hatte. Um es vorweg zu nehmen: In den meisten Phasen des Spiels hielt diese Dominanz an. Allerdings zeigten die Spanier bei diesem Spiel großen Respekt vor dem Weltmeister aus Italien. Richtige gefährliche Situationen konnten sie nicht herausspielen, die Italiener… aber auch nicht. Weltmeisterspiele sehen besser aus. Italien stand sehr defensiv und eher abwartend vor den Spaniern und versuchte, das Tempo zu verschleppen. Italiens Team wollte wohl auf seine Chance warten und nicht unnötig Kraft verspielen. Vielleicht waren es aber auch die vier gelben Karten, die Italien etwas in die Knie zwang, denn die Azzurra von Roberto Donadoni kamen reichlich vorbelastet in diese Partie: Unter den Jungs mit gelber Karte war auch Luca Toni aus der Sturmspitze der Italiener, die längst nicht das gehalten hat, was sie versprochen hatte. Spanien war dagegen lediglich mit einer gelben Karte vorbelastet. Italien spielte mit einem 4-3-1-2-System und die Spanier — wie immer — in ihrer 4-4-2-Formation.
Die erste Hälfte der Partie zog sich also schleppend und für viele Zuschauer eher langweilig in die Länge. Dieses taktische Abwarten geht eben zu Lasten der Spannung und zu Lasten der Zuschauer. Es war eine Halbzeit, in der Spanien den Ball beherrschte, ohne richtig gefährlich zu werden. Die Spanier kontrollierten den Ball und die Italiener kontrollierten die Spanier – so könnte man die erste Hälfte in einem Satz definieren. Die Italiener schienen fast schon übermotiviert, wenn es darum ging, Spaniens Angriffe zu vereiteln; David Silva etwa wurde im Strafraum am Fuß getroffen und unfair aufgehalten. Doch der deutsche Schiedsrichter schien sich gegen die Spanier verschworen zu haben und gab in der 42. Minute den doch durchaus gerechtfertigten Elfmeter für die Spanier nicht. Nach einer Minute Nachspielzeit in der ersten Hälfte endete das bisher leblose und von den Italienern eher defensive Spiel.
Nach 15 Minuten Pause pfiff Herbert Fandel die Partie wieder an. Zu ihm und dem nicht gewährten Elfer sei zu sagen: Er ist wohl überhaupt kein großer Freund von Foul-Elfmetern, da er auch im Spiel zwischen Portugal und der Türkei keinen Elfmeter nach einem Foulspiel von Mehmet Aurelios an Nani gegeben hatte. Nun: zweite Hälfte, zweiter Versuch beider Mannschaften, ein Tor zu erzielen. Auch jetzt waren wieder die Spanier im Ballbesitz. Beide Mannschaften liefen nach der Halbzeit unverändert wieder auf, was vermuten lies, dass diese zweite Hälfte genau so unspektakulär wie die erste werden könnte. Die Spanier mussten sich nach dem nicht gegeben Elfmeter noch mehr anstrengen um dem Fluch, der scheinbar auf ihnen lastete, ein Ende zu bereiten. Und die Italiener schienen wieder nur ihre Chance abzuwarten und versuchten, in der Defensive so bombenfest wie möglich zu stehen. Man glaubt es nicht, aber dennoch kam es nach gut 60 Minuten zu einer wirklich guten Chance der Italiener. Iker Casillas traf im spanischen Strafraum den Ball nicht. Dies gab Mauro Camoranesi die Möglichkeit, endlich einmal auch die italienischen Fans zum Raunen zu bringen. Doch der Torhüter der Spanier konnte seinen Fehler wieder gut machen. Er rannte blitzschnell wieder zurück ins Tor und vereitelte das 1:0 der Italiener mit dem linken Fuß. Puh… noch mal Glück gehabt… dachten sich hier wohl die Spanier und blieben weiter in Ballbesitz.
Dass der deutsche Unparteiische wohl tatsächlich etwas gegen die Spanier haben musste, zeigte sich in der 71. Minute. Er gab David Villa die gelbe Karte – doch warum? Der Spanier war im Strafraum der Italiener lediglich weggerutscht, doch der Schiedsrichter deutete dies als Schwalbe (Täuschungsversuch) und zückte darum den gelben Karton. Nun, die Chancen für die Spanier schienen zu diesem Zeitpunkt und mit diesem Schiedsrichter wohl doch eher gering. Eine einigermaßen spektakuläre Szene folgte in der 81. Minute. Der Italienische Torwart Gianluigi Buffon patzte. Er ließ einen 30-Meter-Schuss von Senna aus seinen Händen gleiten. Langsam kugelte der Ball in Richtung Tor und scheiterte am Pfosten, noch ehe Buffon den Ball wieder unter Kontrolle bekommen konnte. Ein Weltklassetorwart sieht eigentlich anders aus. Nach ein paar weiteren Torschussversuchen auf beiden Seiten ging dann auch die zweite Halbzeit mit 0:0 in die Verlängerung. Die ersten Minuten schienen die Italiener doch noch motiviert, endlich ein Tor zu erzielen, und somit ins Halbfinale gegen Russland einziehen zu können. Die Azzurra hatten einige Chancen, etwa durch einen Kopfballtorversuch von Luca Toni. Aber alle Versuche landeten entweder im Aus oder scheiterten am Torwart der Spanier. Und schon fielen die Italiener wieder in die Defensive zurück, um — wenn sie schon nicht treffen konnten — wenigstens ins Elfmeterschießen zu kommen: Da waren die Spanier nämlich bisher noch nie erfolgreich gegen Italien gewesen. Tatsächlich passierte auch in der Nachspielzeit… nichts… kein Tor, keine Entscheidung. Elfmeterschießen war angesagt.
Beide Trainer, sowohl Luis Aragones, der im Juli seinen 70. Geburtstag feiern wird, sowie Roberto Donadoni suchten sich nun ihre potentiellen Elfmeterschützen aus. Nach einer kurzen Pause und nach der Münzentscheidung durch Herbert Fandel, stand fest, wer zum Elfemeterschießen antreten wird. Es wurde im Tor vor den spanischen Fans gespielt – was den spanischen Männern durchaus noch extra Motivation verliehen hatte; die Spanier begannen mit dem Schießen.
David Villa war der erste, der sich den Ball am 11er-Punkt zurecht legte und … traf! 1:0 für Spanien.
Fabio Grosso war der erste Italiener, der sein Glück versuchte. Der treffsichere Schütze platzierte den Ball unhaltbar für Iker Casillas. 1:1.
Nun wieder Spanien. Santiago Cazorla wirkte eigentlich ein wenig nervös, als er sich den Ball parat legte … doch er traf ebenfalls den Kasten. 2:1 für Spanien.
Daniele de Rossi kam als nächster Italiener, der zum Schießen antrat. Und… er scheiterte an Iker Casillas, dem grandiosen spanischen Torwart. Noch immer 2:1 für Spanien.
Der Spanier Marco Senna war nun an der Reihe, nach dem Patzer von De Rossi konnte er seine Mannschaft mit einem Treffer weiter in Führung bringen und … machte es auch! 3:1 für Spanien.
Für die Italiener war nun volle Konzentration angesagt, denn schließlich hat Spanien noch nie an einem 22.06. solche Spiele gewonnen. Das durfte — aus italienischer Sicht — dieses Mal doch nicht anders sein. Mauro Camoranesi schoss den Ball ganz cool in die Maschen hinter dem spanischen Torwart. Nur noch 3:2 für Spanien.
Daniel Gülza, der erst spät eingewechselt wurde, war der nächste Schütze für Spanien und konnte eigentlich alles klar machen. Doch … er scheiterte an Gianluigi Buffon. Immer noch 3:2.
Und nun passierte, was eigentlich keiner zu glauben vermag. Dem sonst so nervenstarken Italiener Antonio Di Natale versagten die Nerven und er schoss so, dass Iker – Spaniens Torwart – die Kugel halten konnte. Weiterhin 3:2 für Spanien.
Nun hatte ein sehr junger Schütze aus dem spanischen Kader die Chance, seine Nervenstärke zu beweisen. Cesc Fabregas legte sich den Ball parat und alle 51.428 Zuschauer, die live im Stadion waren, sowie viele Millionen Menschen Zuhause, und natürlich auch die Spieler und Mannschaften verfolgten, wie er zum Ball anlief und… tatsächlich Nervenstärke bewies. Der junge Ces Fabregas schoss seine Mannschaft ins Halbfinale. Er versenkte den Ball im Tor und brach somit einen Fluch, der lange Zeit auf Spaniens Haupt lastete. Mit 4:2 gewann Spanien in einem Elfmeterschießen an einem 22.06. in einem internationalen Turnier. Man mochte es schon gar nicht mehr für möglich halten. Aber Spanien ist – und das wohl verdient – im Halbfinale und muss sich nun gegen die Russen behaupten, um vielleicht auch noch ins Finale einziehen zu können. Auch Italien hat eine lange Serie fortsetzen können. Es ist nämlich bisher nur ein einziges Mal ein Weltmeister auch im nachfolgenden Turnier Europameister geworden. Lediglich die Franzosen hatten das einst geschafft.
Spanien wurde mit Beifall von den Fans sowie vom spanischen Königspaar gefeiert, denn sie zogen nach einer Klasse-Vorrunde in das Halbfinale bei der Europameisterschaft 2008 ein. Und vielleicht ist bei dieser Mannschaft wirklich endlich der Fluch gebrochen und es ist noch mehr drin… Falls ja, dann wollen wir es ihnen gönnen!!!

