Sep 10, 2010 | Matchberichte
Türkei – Kroatien: 4:2 nach Elfmeterschießen
Die zweite Partie im Viertelfinale bei der Europameisterschaft 2008 Türkei gegen Kroatien versprach eigentlich, ein gutes Match zu werden. Doch es passierte erst einmal im wahrsten Sinne des Wortes gar nichts, lange Zeit… überhaupt nichts. Und dann… nach knapp 120 Spielminuten begann ein wahrer Fußballkrimi.Eigentlich war die ganze Partie bis eben zu den sagenhaften Schlussminuten eher langweilig, taktisch gespielt von beiden Mannschaften. Die Kroaten beherrschten allerdings von der ersten Minute das Spiel. Sie trafen nur eben nach zahlreichen Möglichkeiten den Kasten um den türkischen Torwart – Rüstü – nicht, der für den türkischen Stammtorwart Volkan den Kasten sauber halten musste. Volkan war durch eine Rote Karte für das Viertelfinalspiel gegen die Kroaten gesperrt. Dies wäre eigentlich eine Chance für die Kroaten gewesen, da Rüstü nur wenig Spielpraxis besitzt. Aber die Kroaten verstanden es gut, die Torchancen, die sie hatten, selbst zu vergeigen. Die Partie wurde gepfiffen von Roberto Rosetti, dem italienischen Schiedsrichter mit seinem Gespann; sie hatten ihre Aufgabe bei den EM-Spielen bisher sehr gut gemacht.
Das Spiel Kroatien gegen Türkei wurde vor dem Spiel als Klasse-Viertelfinale zwischen zwei Mannschaften gesehen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Doch es kam alles ganz anders. Beide Mannschaften begannen das Spiel in den ersten 20 Minuten eher vorsichtig. Sie beschnupperten sich und ließen einander nicht sehr viele Möglichkeiten, sodass keine der anderen wirklich gefährlich wurde. In der 13. Minute erhielt die Türkei einen Freistoß, der aber nicht zu einem aus türksicher Sicht ersehnten frühen Vorsprung der Türken geführt hat. In der 18. Minute witterte Kroatien seine Chance, doch diese gefährliche Szene endete an der Latte des türkischen Tors. Wieder KEIN früher Führungstreffer für eine Mannschaft. In der 27. Minute musste Roberto Rosetti dann zum ersten Mal zum Karton greifen. Tuncay holte im Kopfballduell gegen Nico Kovac den Ellenbogen zu Hilfe und bekam daraufhin die Gelbe Karte zu sehen. Das würde bedeuten, dass er im Halbfinale — sofern seine Mannschaft ins Halbfinale einzieht — nicht auf dem Spielfeld dabei sein darf. Bis zum Halbzeitpfiff passierte dann in diesem Spiel erst einmal nichts mehr, jedenfalls nichts wirklich Berichtenswertes. So mancher Fußballfan Zuhause am Fernseher hatte sich wohl zu diesem Zeitpunkt gewünscht, sich doch lieber für die Sauna… den Skatabend, die Einweihungsparty entschieden zu haben. Die Partie war bis dahin nicht der wirkliche Bringer, nicht das, was man von einem Viertelfinalspiel erwartet.
Die Jungs beider Mannschaften verabschiedeten sich in die Kabinen. Was würden die beiden Trainer nun machen? Taktische Veränderungen einleiten? Oder doch alles so belassen wie es war und einfach weiterlaufen lassen? Wenn es in der zweiten Hälfte genau so weitergehen würde, dann — so war es allen klar — würde es eine Entscheidung erst in der Verlängerung oder auch im Elfmeterschießen geben. Sich beim Elfmeterschießen zu bewähren und Erfahrungen zu sammeln, diese eher ungeliebte Möglichkeit hatten beide Mannschaften bei einem großen Turnier noch nicht gehabt.
Die zweite Hälfte begann. Beide Mannschaften kamen unverändert aus den Kabinen. Der Schiedsrichter pfiff an und… es ging tatsächlich genau so weiter, wie die erste Hälfte aufgehört hat: Langweilig und ermüdend war dieser Start in die zweiten 45 Minuten. Die Kroaten waren wieder am Ball und beherrschten die Anfangsphase der zweiten Hälfte. Den Türken gelang nur selten eine wirkliche Konterchance und wenn, dann lag der Erfolg bei NULL. In den ersten 20 Minuten der zweiten Hälfte dominierten die Kroaten das Spiel, konnten aber keine Torchance verwandeln. Viele gute Chancen scheiterten entweder über oder neben dem Tor der Türken oder aber auch in den Armen des türkischen Ersatztorwarts Rüstü. Die Türken tauchten für kurze Zeit ganz ab, und es schien praktisch nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Kroaten sich mit einem Tor fürs Halbfinale empfahlen. Doch die Zeit lief und sie lief den Kroaten davon.
Nach drei Minuten Nachspielzeit hatte sich am ganzen Spielverlauf und am Ergebnis nichts geändert, die Jungs mussten in die Verlängerung. Zweimal 15 Minuten hatten die Kroaten jetzt noch drauf bekommen um ihre Dominanz auszunutzen und dadurch das Halbfinale zu erreichen. Doch es klappte rein gar nichts. Der türkische Trainer setzte alles auf eine Karte und brachte einen Stürmer nach dem anderen, doch die Türken konnten den Ball nicht beherrschen. Langsam merkten sie aber, dass es nun um alles oder nichts geht. Sie wurden aggressiver und wollten genau so aufspielen wie in den beiden letzten Spielen, es halt irgendwie noch hinbiegen in den letzten Minuten. Es kam der Halbzeitpfiff der Verlängerung. Eigentlich sollte es hier nach UEFA-Regelung gleich weitergehen, doch der italienische Schiedsrichter ließ die Spieler einen kleinen Moment verschnaufen, bis er zu den zweiten 15 Minuten der Verlängerung anpfiff. Und diese fünfzehn Minuten… gingen wieder genau so los, wie die bisherige Partie: Langsam, langweilig und mit viel Getaste. Es schien schon beinahe unmöglich, dass hier noch ein Entscheidungstreffer fallen würde. Die Gesamtspielzeit belief sich nun mittlerweile auf fast 119 Minuten. Es schien klar: Beide Mannschaften müssen ins Elfmeterschießen. Die beiden Trainer hatten sich mit ihren Kollegen schon Gedanken darüber gemacht, wer denn die Schützen sein werden, die die Elfer schießen. Doch dann… in der 119-ten Minute… passierte etwas Unvorhersehbares. Damit hatte irgendwie keiner mehr gerechnet. Die Kroaten erzielten das 1:0 eine Minute vor dem Schluss der Verlängerung. Den Kroaten samt Trainer Bilic fiel wohl ein Stein vom Herzen. Alles vorbei für die Türken - … oder doch nicht? Der Schiedsrichter ließ eine Minute nachspielen und genau diese eine Minute reichte den Türken, um wie schon zwei Spiele zuvor noch einmal das Ruder herum reißen zu können. … Gott, was begann jetzt für ein Fußballkrimi. Die Türken glichen aus; Semih Sentürk erzielte durch ein traumhaftes Tor das 1:1 und der eben noch vom kroatischen Herz gefallene Stein… er war wieder da. Wahnsinn, was die Spieler jetzt in den letzten beiden Minuten der Verlängerung lieferten. Keiner wollte ins Elfmeterschießen … doch die Teams mussten. Die Zeit reichte nicht mehr aus für eine Entscheidung in der Verlängerungszeit. Die neutralen Fans freute es, endlich ein Spiel zu sehen, das nun an Spannung und Aufregung nicht zu überbieten war. Dafür mussten sie allerdings den Preis bezahlen und zuvor knapp 120 langweilige Minuten über sich ergehen lassen.
Beide Mannschaften durften am Spielfeldrand noch ein bisschen rasten, bevor die Trainer bekannt gaben, welche Elfmeterschützen antreten. Nun begann der Krimi, seinen Lauf zu nehmen. Die Torhüter gingen Richtung Tor, und die Spieler stellten sich an der Mittellinie gemeinschaftlich auf. Kroatien musste anfangen.
Der Elfmeterkrimi
Luca Modric mit seinen knapp 22 Jahren legte sich das Leder zurecht. Würden seine Nerven schon standfest genug sein, um den Ball ins Tor zu schießen? Schuss und… nein… sie waren es nicht, er vergab den ersten Elfer für die Kroaten und schoss am Tor vorbei.
Die Türkei waren dran. Arda Turan legte sich ebenfalls die Kugel zu Recht und …. traf! 0:1 im Elfmeterschießen für die Türkei. Wäre das Spiel nun vorbei, würde der Gegner der Deutschen im Halbfinale Türkei heißen. Aber es müssen ja noch weitere Spieler ihr Glück im Elfmeterschießen versuchen.
Darjio Srna war der nächste Schütze für die Kroaten. Würde auch er vergeben? Nein! Sicher versenkte er den Ball im Tor von Rüstü. 1:1 im Elfmeterschießen.
Die Türken waren wieder an der Reihe. Semih Sentürk, der Schütze zum 1:1 Ausgleichstreffer in der Verlängerung machte sich bereit … und… traf sicher ins Tor der Kroaten. Gesamtspielstand: 2:3 für die Türkei. Was für ein Krimi ist das gewesen.
Ivan Rakitic war der nächste Schütze für die Kroaten. Und… er schoss vorbei. War das das Aus für die Kroaten? Immer noch stand es 1:2 im Elfmeterschießen für die Türken in dieser spannenden und Nerven zerreißenden Schlusspartie.
Hamit Altintop legte sich den Ball zurecht, schoss und versenkte ihn sicher im Tor. Somit stand es 1:3 für die Türken im Elfmeterschießen.
Mlacen Petric trat an, er wusste, er muss treffen, sonst ist es vorbei… alles vorbei, was für ein Druck, Petric schoss und … er schoss daneben. Das Aus für Kroatien und Slaven Bilic bei dieser Europameisterschaft. Die Türken hatten die besseren Nerven und dürfen nun ihr Glück am kommenden Donnerstag gegen die Jungs aus Deutschland versuchen. Dies ist für die Türken eine Premiere: Noch nie sind sie bei einer Europameisterschaft bis ins Halbfinale gekommen. Lediglich bei der WM 2002 erreichten sie den dritten Platz. Das Fazit für dieses Spiel ist kurz in einem Satz gesagt: Die Langweile der ersten knapp 120 Minuten wurde für die türkischen Fans mit einem regelrechten Fußballkrimi im Elfmeterschießen wieder gut gemacht. Die Türken haben nun zum dritten Mal schon bewiesen, dass sie gerade in den angespannten Schlussphasen die kühleren Köpfe behalten. Mal abwarten, wie viel Kraft dies die Jungs gekostet hat.

